Über Improvisation
lat. ex improvisio: aus dem Stegreif; engl. improvisation; frz. l’improvisation; ital. all’ improvviso
Was ist das überhaupt?
Improvisation ist ein wesentlicher Bestandteil des Theaters. Da wir uns als Improtheater-Ensemble natürlich auch schon des Öfteren Gedanken darüber gemacht haben, was Improvisation eigentlich bedeutet und wie man sie etwas greifbarer macht, haben wir hier ein paar Zitate und Literaturauszüge zum Thema Inspiration gesammelt.
Aus dem Metzler Lexikon Theatertheorie
von Erika Fischer Lichte, Doris Kolesch und Matthias Warstat aus 2014; Auszüge sind zum Teil paraphrasiert
Definition und Anwendung
Mit dem Begriff der Improvisation werden im allgemeinen Sprachgebrauch verschiedene Formen des Handelns und von Ausdrucksbewegungen beschrieben, die im weitesten Sinne unvorbereitet vollzogen werden. Wer improvisiert, sieht sich meist einer Situation gegenüber, in der herkömmliche Mittel zur Lösung eines Problems oder zur Gestaltung einer Situation nicht gegeben sind. Improvisation birgt somit immer ein Moment der Überraschung für den Ausführenden und fordert vom handelnden Subjekt, ein vorhandenes Situationspotential zu nutzen bzw. neue Möglichkeiten zu erfinden, um zum Ziel zu gelangen, ein Problem zu lösen oder eine Situation zu gestalten.
Negative Alltagsbedeutung vs. künstlerische Wertschätzung
Im Alltag ist Improvisation oft negativ konnotiert, als unkonventionell und unregelmäßig, da es oft nicht den erwarteten Formen oder Standards an Perfektion entspricht - im Gegensatz zur hohen Wertschätzung in den Bereichen des Theaters, Tanzes, Musik und in therapeutischen Kontexten. Künstlerische oder therapeutische Improvisation unterscheidet sich von der alltäglichen durch ihren bewussten Einsatz und die Anerkennung als erstrebenswertes Ziel.
Therapeutische und künstlerische Improvisation
In therapeutischen Kontexten dient Improvisation der Erkennung vielfältiger Lösungsmöglichkeiten innerhalb gesetzter Rahmenbedingungen. Improvisation zielt darauf ab, spielerisch die Kreativität sowie Geschicklichkeit, Erfinder- und Reaktionsfähigkeit des Handelnden zu fördern. Künstlerische Improvisation hingegen basiert auf einer ästhetischen Gestaltungsabsicht und Kunstfertigkeit und ist stets an einen von der Kunst vorgegebenen Rahmen gebunden.
Das Improvisationstheater
Das Improvisationstheater (Theatersport) als eigenes Genre sieht die Improvisation als spontanen Schaffensakt, als Abfolge unvorhergesehener Aktionen, deren dramaturgische Logik sich erst in ihrem Vollzug ergibt. Im Improvisationstheater geschehen Produktion und Aufführung gleichzeitig. Häufig bestimmt das Publikum, zu welchen Themen die Spieler eine Improvisation erschaffen sollen. Unabhängig von den verschiedenen Formen des Theaters gilt für die Mehrzahl der Theaterpraktiker die Improvisation als unverzichtbarer Bestandteil der Schauspielkunst. Dies resultiert aus der Tatsache, dass jede Aufführung sich jeweils neu ereignet. Begründet in der prinzipiellen Unvorhersehbarkeit einer Aufführungssituation ist der Schauspieler gefordert, innerhalb des von der Inszenierung gesteckten Rahmens immer wieder neu agieren und reagieren zu können. Somit könnte man sagen, die schauspielerische Fähigkeit zur Improvisation bildet die Grundlage für die Wahrnehmung von Emergenzen.
Zitate über Improvisation
„Improvisieren im Alltag ist Handeln aus dem Stegreif, ist Tun im Moment – nicht unbedingt ohne Überlegung, aber jedenfalls ohne langwierige Planung.“
—
Hans-Wolfgang Nickel & Dagmar Dörger
„Improvisieren ist kreatives Tätigsein im Hier und Jetzt, Erfinden und Gestalten in einem Akt; es ist die Fähigkeit, auf Grund einer Idee, einer Situation vor dem Hintergrund individueller Erfahrungen im Umgang mit Material (das können Körper, Räume, Gesten, Dinge, Töne, Farben etc. sein) etwas physisch mit Stimme oder Bewegung auszudrücken; dieses spontan zu tun, als Antwort auf einen plötzlichen Reiz der Umwelt.“
—
Karl Meyer
„Improvisation: the skill of using bodies, space, all human resources, to generate a coherent physical expression of an idea, a situation, a character (even, perhaps, a text); to do this spontaneously, in response to the immediate stimuli of one’s environment, and to do it à l’improviste: as though taken by surprise, without preconceptions.“
—
Anthony Frost & Ralph Yarrow
„Shepherd’s original idea was for a theatre derived (in inspiration) from the Commedia dell’ arte.“
—
Shepherd
„Improvisation [...] das spontane, freie Spiel (ohne oder mit nur sehr umrisshaft skizzierter Vorgabe) charakterisiert spezifische Traditionen der Theatergeschichte; vor allem Formen wie Commedia dell’ arte, Straßentheater, die Kunst der Gaukler, Narren, Spaßmacher, Straßenverkäufer. Texterfindung, Handlungsgestaltung und Darstellung fallen dabei zusammen.“
—
Hans Wolfgang Nickel
„Improvisation besteht darin, dass der Darsteller in eigenschöpferischem Akt spielend Kunst produziert. Er erfindet Abgebildetes ohne vorherige Probe, unvorbereitet also, lediglich einem Thema oder einem bestimmten Handlungsziel oder -gerüst als Vorgabe folgend, ohne Bindung an eine feste Textvorlage, vielmehr szenische Aktion und ihr gemäßen Text spontan.“
—
Gerhard Ebert
„Improvisation: Das Spiel spielen; ein Problem ohne vorgefasstes Konzept lösen; die gesamte (belebte und unbelebte) Umgebung bei der Lösung des Problems mitarbeiten lassen [...] ein kommunikativer Moment im Leben, bei dem man ohne Entwurf oder Handlungsfaden auskommt[...].“
—
Viola Spolin
„Almost any book on improvisation will tell you that improvised theatre began with the Commedia dell’ arte – and for once, 'any book' is right.“
—
Tom Salinsky & Deborah FrancesWhite
— Nachfolgend Zitate von Keith Johnstone:
„There are people who prefer to say 'yes' and there are people who prefer to say 'no'. Those who say 'yes' are rewarded by the adventures they have. Those who say 'no' are rewarded by the safety they attain.”
„Es macht Spaß, sich am Gelächter des Publikums zu berauschen, aber Improvisierer sollten mehr bringen als seichte Unterhaltung. Sie sollten die Träume und Alpträume und Leidenschaften verkörpern, die im Geist des Zuschauers gefangen sind, und vor allem sollten sie Geschichten erschaffen.”
„Bin ich inspiriert, geht alles gut, doch versuche ich es richtig zu machen, gibt es ein Desaster.”
„Die einzelnen Stufen, die ich mit meinen Schülern zu bewältigen versuche, bestehen darin, ihnen bewusst zu machen, dass wir 1. gegen unsere Phantasie ankämpfen, vor allem dann, wenn wir versuchen, phantasievoll zu sein; dass wir 2. für den Inhalt unserer Phantasien nicht verantwortlich sind; und dass wir 3. nicht, wie man uns das beigebracht hat, unsere jeweilige ‚Persönlichkeit‘ sind, sondern dass die Phantasie unser wahres Ich ist.“
„Ein Improvisations-Spieler muss sich im Klaren darüber sein, dass er viel origineller ist, wenn er das ‚Nächstliegende‘ aufgreift.“
„Großartige Improvisierer schwimmen mit dem Strom und akzeptieren, dass sie von der Hand Gottes gelenkt werden oder der des Großen Elch oder von einem unbekannten Modul des Gehirns.“
„Wenn die Vorstellung gut lief, hat man das Gefühl, die Zeit in Gesellschaft einer Menge gut gelaunter Leute verbracht zu haben, die wunderbar kooperativ sind und keine Angst vor dem Versagen haben. [...] Mit ein bißchen Glück fühlt man sich, als wäre man auf einer wunderbaren Party gewesen; gute Parties hängen nicht vom Grad der Trunkenheit ab, sondern von positiven Interaktionen.“
„Bei den Zuschauern laufen sehr subtile Prozesse ab: wachsende Identifizierung mit den Spielern, Spannung, die daher kommt, dass sie sich fragen, ob die Vorstellung ein Erfolg sein wird, die Erwartung eines Wunders.”
Ein paar abschließende Zitate
von Keith Johnstone
“Failing is a positive thing!”
“You can’t learn anything without failing!”
“If you try to do your best, you’re stage fright!”
“As soon as you try to be good, you’re in the past or the future!”
“A good idea is everything, that interests your partner.”
“Use your voice to control the audience.”
“Don’t be safe, take risks.”
“Understand the audience.”
“Be truthful.”
“Be changed!”
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